Als Teil der neuen Böhse Onkelz-Fangeneration nimmt Johannes Häring, 25, euch mit zum vorletzten Halt der „Hier sind die Onkelz“-Tour 2025 in Berlin.
Wenn die Onkelz in der Hauptstadt aufschlagen, treffen Generationen aufeinander: Diejenigen, die in verrauchten 80er-Jugendzimmern die ersten Platten gehört haben, stehen Schulter an Schulter mit jungen Fans, die gerade geboren waren, als die Band ihr Jubiläum mit dem monumentalen Konzert “20 Jahre – Live in Frankfurt” feierte. Zum Letzteren gehöre ich, eigentlich leidenschaftlicher Hip-Hop-Fan, aber geprägt von meinem Vater und meinem Onkel, die mich über die Jahrzehnte immer wieder in Kontakt mit den Onkelz brachten und mich schlussendlich gar nicht mal wirklich überzeugen mussten, auch mal etwas anderes zu hören.
Die Uber Arena in Berlin ist an diesem 17. Dezember längst ausverkauft, als die Lichter endlich ausgehen und ein grollender Chor durch die Halle rollt. Ein Raunen, dann Schreie, dann dieses kollektive Durchatmen von mehr als Zehntausend Menschen, die genau wissen, was jetzt kommt - die Böhsen Onkelz. Mit den ersten Akkorden von „Hier sind die Onkelz“ gehört der Abend einzig der Band und dem Publikum.
Von Beginn an macht das Set klar, wohin die Reise geht: Nostalgie und Frontalkurs durch vier Jahrzehnte Bandgeschichte. „Finde die Wahrheit“ und „Gehasst, verdammt, vergöttert“ folgen früh und legen die Grundstimmung fest: Es geht um Loyalität, um Außenseitertum, um diesen oft zitierten Graben zwischen Band, Medien und dem Rest der Bundesrepublik.
Mit „So sind wir“ und „Kneipenterroristen” wird das Tempo angezogen. Die Gitarren sägen, der Bass drückt aus den Boxen, und der Innenraum verwandelt sich in ein einziges, wogendes Meer aus hochgereckten Fäusten und Pommesgabeln. Die Onkelz spielen nicht einfach ihre Songs runter – sie werfen sie dem Publikum wie Molotowcocktails aus Erinnerungen und Emotionen vor die Füße.





Als die ersten Akkorde von „Weit weg“ und „Nur die Besten sterben jung“ erklingen, verändert sich die Luft in der Arena. Die Bühne wird in warmes Licht getaucht, auf den Rängen sieht man unzählige hochgestreckte Feuerzeuge und Handylichter. Plötzlich hört man in den ruhigeren Passagen fast nur noch den Gesang der Fans. Die Band hält sich stellenweise bewusst zurück, lässt den Chor der Tausenden die Hauptstimme übernehmen – Gänsehautmoment. Es ist der vielleicht emotionalste Moment des Abends – ein stiller Gruß an all jene, die fehlen, aber durch diese Zeilen noch da sind. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Bühne und Publikum endgültig; alle sind Teil derselben Geschichte, desselben Moments.
Die Songs funktionieren dabei wie Kapitel einer Autobiografie, nur eben mit Gitarrenriffs statt gedruckten Seiten. Mit „Ohne mich“ setzt die Band ein trotziges Ausrufezeichen – ein Statement gegen falsche Freunde, falsche Systeme, falsche Erwartungen.
Mit „Wir ham’ noch lange nicht genug“ läutet die Band die mehrteilige Zugabe ein. Der Titel ist keine leere Floskel; der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Es beschreibt exakt das Gefühl in der Halle: Niemand hier ist satt, niemand müde. Die Ränge springen, auf dem Innenraum tanzt ein einziger, wogender Block und die Uber Arena bebt. Direkt im Anschluss folgt der ewige Klassiker, „Auf gute Freunde“, genau das Lied, das mich zu der Band gebracht hat, wie die meisten meiner Generation. Alle meine Erwartungen längst übertroffen.
Bevor das Ende unausweichlich wird, schickt die Band mit „Mexico“ noch einmal einen Gruß in das neue Weltmeisterjahr 2026 – Bengalos erleuchten die Arena in eine feuerrote Hölle, Bierbecher fliegen – totale Eskalation.
„Erinnerungen“ schließt den Kreis und bietet einen würdigen Abschluss. Der Song ist mehr als ein Finale – er ist eine Verneigung vor den Fans und vor 40 Jahren Bandgeschichte.
Als das Saallicht wieder angeht, stehen viele noch wie angewurzelt da. Die Menge löst sich nur zögerlich auf, als wolle man diesen einen Moment zwischen Lautstärke und Stille noch etwas festhalten. Die Setlist dieses Abends war ein sorgfältig ausgewählter Ritt durch Wut, Pathos, Selbstreflexion und pure Ekstase – ein Konzert, das weniger wie ein Event wirkte und mehr wie ein Wiedersehen mit alten Freunden.








